23.03.2026
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8 Min

Thüringen

Gunstheimer tritt wieder an

Ludwig Gunstheimer wurde im Mai 2020 zum Präsidenten des LJV Thüringen gewählt. Zuvor war er Vizepräsident für Nordthüringen. Zum Ende seiner Amtsperiode zieht der 72-Jährige Bilanz.

Gunstheimer tritt wieder an

Bild: Christoph Boll

WuH: Herr Gunstheimer, die vergangenen fünf Jahre waren weder jagdpolitisch noch verbandsintern einfach. ­Besonders augenfällig wurde das bei der teils hitzigen Debatte über einen höheren Mitgliedsbeitrag, der auch im zweiten Anlauf nur eine knappe Mehrheit fand. Was ist da falsch gelaufen?
Ludwig Gunstheimer: Das größte Problem war neben der sehr kurzen Frist zwischen Antrag und Landesjägertag 2024 die mangelhafte Kommunikation, sowohl seitens des LJV-Vorstands in Richtung Jägerschaften als auch umgekehrt. Diese war auch zum großen Teil der unzureichenden Arbeit einiger Vorstandsmitglieder geschuldet, die aus beruflichen Gründen ihre Aufgaben nicht oder nur ansatzweise erfüllen konnten. Um das künftig zu vermeiden, haben wir im Vorfeld der diesjährigen Wahlen auf die unbedingte Vereinbarkeit von beruflicher Belastung und dem Aufgabenvolumen als Vorstandsmitglied des LJV hingewiesen. Im zweiten Anlauf wirkten die Fehler noch nach und führten teilweise zu verhärteten Positionen.

WuH: Sie haben in der Diskussion ungewöhnliche klare Worte gewählt, unter anderem eine unzureichende Kommu­nikation innerhalb der Kreisgruppen ­bemängelt. Welche Reaktionen gab es darauf?
Ludwig Gunstheimer: Wie ich bereits ausführte, gab es enorme Kommuni­kationsmängel nicht nur innerhalb der Jägerschaften, sondern zwischen Verband und Jägerschaften. Ich denke, die Diskussion darüber hat einige Verantwortliche munter gemacht. Darüber hinaus wurde durch den Verband unsere Website sehr stark modernisiert und ansprechend gestaltet sowie eine ­Mitglieder-App entwickelt, die in den nächsten Tagen und Wochen allen ­Mitgliedern zugänglich sein wird, über die sich jedes Mitglied unabhängig von der Informationslust ihres Vorstandes direkt und sehr aktuell informieren kann. Außerdem werden wir statt des bisherigen „Patensystems“, das aus teilweise persönlichen Befindlichkeiten nicht funktionierte, die Mitglieder des Vorstandes künftig mit konkreten Sachgebieten betrauen, in deren Rahmen sie den Jägerschaften mit oder ohne Anforderung mit Rat und Tat zur Seite stehen. Weiterhin haben auch künftig die Vorstände der Jägerschaften die Möglichkeit, an Vorstandssitzun­-gen des LJV teilzunehmen und evtl. Probleme und Anliegen direkt vorzu­tragen.
 
WuH: Jagdpolitisch lässt nun sogar die CDU den Verband im Regen stehen. ­Gegen die Aufhebung des Nachtjagdverbotes im Saale-Orla-Kreis hat der LJV Klage vor Gericht erhoben. Und die CDU hat die Ablehnung der Errichtung von Windkraftanlagen im Wald, gegen die auch der LJV ist, aufgegeben. Wie bewerten Sie das?
Ludwig Gunstheimer: Wenn wir die bisherige Entwicklung des Jagdwesens in Thüringen betrachten, gab es in der Vergangenheit politische Entscheidungen, die auch von der CDU mitgetragen wurden, die nicht der Position des LJV entsprachen. Ein Beispiel ist z. B. die Verlängerung der Jagdzeit bei männlichem Rehwild und Schmalrehen. Seitens des Verbandes wird dann offensiv dagegen opponiert und der Kontakt zu Partnern gesucht, die unsere Positionen teilen. Das ist allerdings immer erst der zweite Schritt, wenn aus Verhandlungen erkennbar wird, dass wir künftig keinen gemeinsamen Nenner mehr finden. Zu einem solchen Stolperstein könnte das Thema Windkraft im Allgemeinen und Windkraft im Wald im Speziellen werden. In diesem Fall ist der plötzliche Sinneswandel der CDU für uns als Verband nicht nachvollziehbar, und Vor­gespräche dazu hat es mit uns keine ­gegeben. Allerdings muss auch die Position der Waldbesitzer berücksichtigt werden, die damit die hoffentlich gute Chance sehen, mit ihrem Eigentum an Waldfläche endlich Geld zu verdienen. Wie viel nach einem gesetzlich notwendigen Rückbau davon noch übrig bleibt, ist die andere Seite der Medaille. Der Wald, der dadurch vernichtet wird, wird niemals durch wiederkäuendes Schalenwild aufgefressen. In Sachen Allgemeinverfügung ist die Sicht der Dinge etwas anders. Hier haben alle Beteiligten, also Jäger, Jagdbehörden und Jagdgenossenschaften, eine Aktie daran, dass die Muffelbestände im Saale-Orla-Kreis aus dem Ruder gelaufen sind und der Verband nach einem demokratischen Entscheidungsprozess die beiden Klagen gegen die Allgemeinverfügungen eingereicht hat. Ziel ist jedoch nicht vordergründig ein Sieg vor Gericht, sondern dass alle o. g. Beteiligten sich zusammenraufen und nach dem Vorbild der Hegegemeinschaft Gahma unter Leitung des Waidgenossen Hertzsch dieses Problem lösen.

WuH: Welches politische Gewicht hat der LJV, wenn von den etwa 13 000 Thüringer Jägern nur rund 55 % im Verband organisiert sind?
Ludwig Gunstheimer: Rein formal wird natürlich das politische Gewicht des Verbandes von der Zahl seiner Mitglieder beeinflusst. Das ist sogar im Thüringer Jagdgesetz mit Zahlen untersetzt. Danach ist der Verband vertretungsberechtigt für die Jägerschaft, wenn er mind. 50 % der gelösten Jagdschein­inhaber als Mitglieder hat. ­Allerdings sind wir mit rund 55 % nicht sehr weit von dieser kritischen Marke entfernt. Mit einem kleinen Seitenhieb ist jedoch festzustellen, dass bei uns ein anderer Jagdverband mit nur rund 2 % der Jagdscheininhaber im Obersten Jagdbeirat, genau wie wir, mit einer Stimme vertreten ist. Um uns auch künftig Gehör zu verschaffen, ist es dringend notwendig, unsere Mitgliedszahlen zu erhöhen und einen Organisationsgrad von 80 bis 90 % wie in anderen Bundesländern zu erreichen. Leider ist unter vielen Nichtmitgliedern die Meinung verbreitet: „Wozu brauche ich einen LJV, und was macht der für mich?“ Denen kann ich nur sagen: Wir sind dafür da, dass du und deine Nachkommen auch noch jagen dürfen! Als es in Brandenburg mit den Novellierungsversuchen der deutschen Jagd an die Wäsche ging, suchten viele Nichtmitglieder plötzlich ihr Heil unter dem Schirm des dortigen LJV und traten massenhaft in die Jägerschaften ein. Den Thüringer Jägern außerhalb des LJV ist bisher noch nicht so richtig bewusst geworden, wie oft schon das Damoklesschwert des Endes der Jagd über ihnen geschwebt hat. Aber es wäre nicht realistisch, wenn unser LJV nicht starke Partner an seiner Seite hätte. So haben wir mit anderen Landnutzerverbänden bereits 2016 eine Art Bündnis geschlossen, das durch die Initiative des Thüringer Bauernverbandes mit Beginn der Bauernproteste unter dem Namen „Leuchtenburger Runde“ wiederbelebt wurde. Und getreu des Mottos „Nur gemeinsam sind wir stark“ bringen wir schon ein Schwergewicht auf die Waage.

WuH: Wenn Sie die Amtsperiode zusammenfassen, was hat geklappt, wo hätten Sie gern mehr erreicht?
Ludwig Gunstheimer: Ein wesentlicher Erfolg ist die gewachsene politische Bedeutung unseres Verbandes. Wir haben unser Netzwerk gut ausgebaut und zu anderen Institutionen und Verbänden ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut. Das Credo unserer Arbeit ist, dass man mit allen anderen Partnern im sachlichen Gespräch bleiben muss, auch wenn die Positionen teilweise Lichtjahre voneinander entfernt sind. Nur auf diese Weise werden Lösungen und Kompromisse gefunden. Dieser Umgang wird sowohl von der Politik als auch von den Behörden und anderen Partnern geschätzt. Wir konnten daher viele Anliegen realisieren. Nur ein Beispiel dafür ist die Übertragung des Monitorings und der Rissgutachter für Wildtiere auf die Mitglieder des LJV. Wo es noch großen Nachholbedarf gibt, ist die permanente Aus- und Weiterbildung unserer Mitglieder bis hin zu den Vorständen. Wir sind zu recht stolz auf ­unser grünes Abitur, aber wenn das ­bereits vor Jahrzehnten abgelegt oder nach einem 14-Tage-Kompaktlehrgang erworben wurde, ist es sicher unbestritten erneuerungs- bzw. erweiterungsbedürftig. Ein weiterer Wunsch ist, dass alle unsere Mitglieder die Jagd als immaterielles Kulturerbe der Menschheit betrachten und auch so ausüben. Mit Demut und ­Respekt vor der Kreatur, mit Liebe und Engagement für die Natur und mit Freude am Handwerk Jagd und seiner Tradition.

WuH: Was bedeutet das für die Wahl auf dem Landesjägertag 2026 am 30. Mai? Bewerben Sie sich erneut für das Präsidentenamt?
Ludwig Gunstheimer: Ja, ich stelle mich noch einmal zur Wahl für die Funktion als Präsident des Landesjagdverbandes Thüringen und werde unseren Mitgliedern die o. g. Punkte als unsere Ziele für die nächste Amtsperiode vorstellen, vor allem endlich wieder die Schaffung eines Zusammengehörigkeitsgefühls der Thüringer Jägerschaft.

Die Fragen für WILD UND HUND stellte Christoph Boll.

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Heiß umstritten: Die Erhöhung des Mitgliedsbeitrags fand nur im zweiten Durchgang eine knappe Mehrheit. (Bild: Christoph Boll)

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Für die Zukunft der Jagd: Mitglieder des LJV Thüringen nahmen auch an der Großdemo in Hannover im Januar 2025 teil. (Bild: LJV Thüringen)

Autor: Christoph Boll